Ich habe eine Abtreibung überlebt.

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Das hat mich veranlasst aus eigener Erfahrung zu berichten. Es ist schwierig für mich darüber zu berichten, da es noch viele Fragezeichen gibt und über meiner Familie bis heute eine Decke des Schweigens liegt. Verschiedene Puzzleteile wurden mir offenbart, die mir geholfen haben zu verstehen und das Erlebte zu verarbeiten.

Ich hatte während meiner Kindheit mit Ängsten zu tun. Hauptsächlich nachts und im Dunkeln fühlte ich mich bedroht. Oft habe ich nachts nach meinen Eltern geschrien. Da ist etwas im Raum, dass mir Angst macht war mein Empfinden. Ich hatte Angst vor dem Tod, hatte oft Träume, dass ich verfolgt werde und mein Leben bedroht ist. Als Kind habe ich mir mit einem Band meine Puppe ans Handgelenk gebunden, um irgendwie mit dem Leben verbunden zu bleiben.

Ich wollte leben!

Ein weiteres beherrschendes Gefühl mit dem ich lebte war Ablehnung. Ich fühlte mich nirgendwo wirklich zugehörig, war ausgesprochen schüchtern, traute mich in der Schule kaum etwas zu sagen, fühlte mich ständig unsicher und empfand, dass alles irgendwie merkwürdig war, konnte aber nicht benennen, was es war. Ich versuchte immer mich still und unauffällig zu verhalten, hatte aber gleichzeitig Sehnsucht auch dazu zu gehören, bedeutend zu sein. Träume und Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle, über all dies konnte ich nicht reden. Das Ganze führte dazu, dass ich als erwachsener Mensch sehr einsam und unglücklich war, früh heiratete und völlig überfordert in einer Opferrolle gefangen war.

Es gab ein Pastorenehepaar, das in unsere Gegend zog und Gästenachmittage veranstaltete. Dazu wurde ich eingeladen und ging dort hin. Was ich nicht erwartet hatte war, dass Gott mich dort persönlich ansprach. Er sagte damals: „Ich bin die Antwort“, und mir war sofort klar, dass alles, was ich von ihm gehört hatte, jedes Wort der Bibel wahr ist, dass ich an ihm vorbei gelebt hatte und mir nichts wichtiger ist, als in seiner Nähe zu bleiben. Gleichzeitig war ich überwältigt von der Erkenntnis, dass der lebendige Gott an mir persönlich interessiert war, dass er selbst zu mir sprach.

Ich war gewollt!!!

Diese Erkenntnis war das erste heilsame Erlebnis und änderte Vieles!

Etwa ein Jahr später fuhr ich mit meinem Hauskreis zu einer Konferenz in Innsbruck. Vom Podium aus wurden Worte der Erkenntnis mitgeteilt, nach und nach hörte ich Details aus dem Leben der Frauen, die neben mir saßen, die mir sehr bekannt waren, dann sprach jemand:

„Da ist eine Frau, deine Mutter hat versucht dich mit Stickstöcken abzutreiben.“

Der Gedanke war so weit von mir weg, dass ich das nicht mit mir in Verbindung bringen konnte. Ich kaufte damals mehrere Kassetten mit Vorträgen von dieser Konferenz und gab sie auch meiner Mutter zum Hören. An einem Tag kam ich gerade dazu als sie den Passus hörte von diesem Kind, das abgetrieben werden sollte und sah ihr Erschrecken, da habe ich verstanden, dass ich dieses Kind war.

Jahre später hat mein Patenonkel, der ein Gespräch meiner Eltern mit meinem Opa belauschte, gesagt, dass es in diesem Gespräch um meine versuchte Abtreibung gegangen sei.

Diese Erkenntnis hat mich vieles verstehen lassen, zum einen, dass die Ängste in meiner Kindheit durchaus begründet waren.

Es ist offenbar geworden was mich bedroht hat. Das hat mich befreit.

Ich konnte meinen Eltern bewusst vergeben und habe mich auch mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Das hat mir Frieden gegeben. Dankbarkeit für vieles ist in mir gewachsen, auch für Dinge, die gar nicht mal so schön waren, die ich aber dennoch als Schutz und Gnade Gottes sehen konnte.

Ein weiterer großer Schritt für mich war es aus meiner Opferrolle auszusteigen und Verantwortung für mein Leben und Handeln zu übernehmen. Das veranlasste mich dazu mich von meinem damaligen Ehemann zu trennen, nach 20 Jahren. Die Gemeinde stand mir damals schützend zur Seite.

In diesen ganzen Prozessen konnte ich mich selbst kritisch betrachten, Strukturen wurden offenbar. Seelsorger standen mir zur Seite. Viel zerstörerisches Verhalten ging auch von mir aus und ich konnte daran arbeiten, oder zumindest mit mir selbst und Anderen geduldig sein und Verständnis entwickeln.

In alldem weiß ich mich von Gott gehalten und getragen. Seine bedingungslose Liebe und Annahme haben mich heil werden lassen. Er steht zu mir als Vater, als Zufluchtsort, als Versorger, als Helfer, als der der voller Freude auf mich schaut. Ihm alle Ehre und aller Dank.

Zu mir persönlich. Ich bin 59 Jahre alt, seit dreizehn Jahren mit meinem Mann Michael verheiratet und von Beruf Altenpflegerin.

Posted in Zeugnisse on Dez 05, 2020.

von: Olivia Müller