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Hans Harmsen – eine kurze Biografie

Posted By: Andreas Düren avatar

Published to Biografien on May 01, 2020

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Wer war eigentlich Hans Harmsen? Eine kurze Google-Suche gibt nur wenig Aufschluss darüber, wie weitreichend und einflussreich die persönlichen ideologischen Ideen und Überzeugungen Harmsens auch heute noch sind. Ein kurzer biographischer Abriss soll daher darstellen, wer Hans Harmsen war, für welche Ziele er sich Zeit seines Lebens einsetzte und warum es einer Aufarbeitung seiner ideologischen Überzeugungen bedarf.

Hans Harmsen (1899-1989) gründete 1952 zusammen mit der amerikanischen Eugenikerin Margaret Sanger und der deutschen Gynäkologin Anne-Marie Durand-Wever die Organisation pro familia, welche sich für eine ersatzlose Streichung des §218 StGB einsetzt, also für eine Legalisierung von Abtreibungen.
Interessant ist dabei aber vor allem sein biographischer Hintergrund. Harmsens extremistische und menschenfeindliche Ansichten zeigten sich schon früh. So war er während seines Medizinstudiums ab der Gründung (1919) bis zur Auflösung (1932) Mitglied der sogenannten national-konservativen Bewegung „Jungdeutscher Bund” (JdtB).
Voraussetzung für eine Mitgliedschaft war, von „deutscher (d.h. von jüdischem und farbigem Bluteinschlag freier) Abkunft” zu sein.

Innerhalb des JdtB gehörte Harmsen den „Hakenkreuzlern” an.

Laut der Medizinhistorikern Sabine Schleiermacher eine Untergruppe, die stark völkisch ausgerichtet war.

Ein Kernanliegen seinerseits war die „Praktische Bevölkerungspolitik”, über welches er im Zuge seiner Lehrtätigkeit am Berliner Institut für Sozialethik eine ausführliche Arbeit schrieb. Diese schickte er bereits 1931 an Hitler und Mussolini, da er deren nationalsozialistischen Äußerungen zur Bevölkerungspolitik für bemerkenswert hielt.

Er befürchtete das „Aussterben der qualitativ wertvollen Familie” und beklagte die „erhebliche finanzielle Belastung”, die bereits durch „eine geringe Zahl minderwertiger Familien” erwachse. Sein Vorschlag war die Ersetzung einer „individuellen Fürsorge” durch eine „differenzierte”. Leistungen sollten seiner Meinung nach nur noch „für solche Gruppen Fürsorgebedürftiger gemacht werden, die voraussichtlich wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erlangen“.

„Der gewaltige Ausbau der humanitären und sozialen Fürsorge hat überdies dazu beigetragen, dass diese Bevölkerungsgruppen weithin unter Existenzbedingungen leben, die die natürliche Auslese durch erhöhte biologische Auffälligkeit mehr als ausgleicht.”

Zur Verhütung von „Minderwertigen” forderte er „Ehetauglichkeitszeugnisse”, „öffentliche Eheberatungsstellen”, die „Verhinderung der Fortpflanzung” durch „Asylierung Minderwertiger in geschlossenen Anstalten” und Sterilisierung.

Die „rechtliche Gleichstellung” unehelich geborener Kinder mit ehelichen lehnte er laut der Medizinhistorikerin Schleiermacher ab. Ihm zufolge standen „Qualität” und „Quantität” von Menschen in einem „Abhängigkeitsverhältnis” zueinander. So zitiert sie ihn aus seinem Werk „Praktische Bevölkerungspolitik”: „Der einzige Weg, der uns zur Erzeugung von Kindern hoher Qualität offen steht, geht über die Quantität.”[1]

Als Leiter des Referats Gesundheitsfürsorge beim Central-Ausschuß (CA) für die Innere Mission (Späteres Diakonisches Werk) der Deutschen Evangelischen Kirche lud er im Frühjahr 1931 zur ersten Arbeitstagung der Fachkonferenz für Eugenik.

In der Einladung schreibt Harmsen: „Wir brauchen […] eine eugenische Neuorientierung unserer Wohlfahrtspflege. Die übertriebenen Schutzmaßnahmen für Asoziale und Minderwertige, aus einer falsch gerichteten Humanität entstanden, führen zu einer immer stärkeren Vermehrung der asozialen Bevölkerungsgruppen”.

Bereits zwei Jahre vor der „Machtergreifung” der Nazis meinte Harmsen in einer Diskussion „über Vernichtung lebensunwerten Lebens” zu den anwesenden acht Ärzten und zehn Anstaltsleitern: 

„Dem Staat geben wir das Recht, Menschenleben zu vernichten – Verbrecher und im Kriege. Weshalb verwehren wir ihm das Recht zur Vernichtung der lästigen Existenzen?”

Laut Journalist und Publizist Ernst Klee „enthält das Protokoll keinen Hinweis, daß einer der zehn Anstaltsleiter eine solche Frage unter Christenmenschen für gotteslästerlich hält.”
Während der Arbeitstagung forderten Ärzte und evangelische Pfarrer die Zwangssterilisierung: „Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer [!] Minderwertigkeit und Fürsorgebedürftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.” [2]

In einem Übersichtsreferat unter dem Titel „Gegenwartsfragen der Eugenik in der Wohlfahrtspflege der Evangelischen Kirche” schrieb er weiter: „Eine zu weitgehende Wohlfahrtspflege minderte den gesunden Existenzkampf; ein immer größer werdendes Versicherungswesen schaltete das Lebensrisiko fast völlig aus. Verkümmertes krankes Leben konnte sich mit gesundem verbinden und wieder kranke Nachkommenschaft zeugen. So ist es verständlich, daß in den gesunden Kreisen in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Notzeit die Frage aufsteigt, ob es nicht besser wäre, alle Minderwertigen zu beseitigen.” [3]

1933 zitierte er in den ersten Heften des Archivs für Bevölkerungspolitik, Sexualethik und Familienkunde verschiedene Passagen aus Hitlers „Mein Kampf”, um damit die zukünftige Bevölkerungspolitik zu charakterisieren. „Voran stehen rassenpflegerische Forderungen, die nicht nur auf eine Beseitigung fremdvölkischer Schmarotzer, sondern bewusst auf eine Scheidung der Rassen hinauslaufen“.

1935 schrieb Harmsen in seinem Gutachten zu „Volk und Rasse (Judenfrage)” [1]: 

„Juden, Zigeuner und Neger sind für uns Deutsche artfremd. Ihr Blut verträgt sich nicht mit dem deutschen und artverwandten Blut. Darum muss das jüdische Blut getrennt und eine weitere Vermischung ausgeschlossen werden (Grundsatz der Dissimilation)”.

Im gleichen Jahr brüstete er sich in einer Handreichung zum „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses”, dass „die Asylierung der Erbbelasteten, denen ein großer Teil der Anstalten der Inneren Mission dient,” bewusst „nicht nur als Fürsorgemaßnahme für den einzelnen Gefährdeten und Gebrechlichen, sondern zugleich auch mit dem Ziel der Ausschaltung von der Fortpflanzung” geschahen. [3]

Abtreibung stand er dennoch jahrzehntelang stark ablehnend gegenüber. So sprach er auf dem Internationalen Kongress der International Planned Parenthood Federation (IPPF), der auch pro familia angehört, 1957 in Berlin noch von der „Abtreibungsseuche”. [4]

Diese Ansicht wandelte sich aber mit der Zeit. 1981 wird er wie folgt von Ferdinand Oeter zitiert: „Der in der Bundesrepublik Gesetz gewordene Kompromiss aus ideologisch verhärteten Fronten ist schlecht, weil unpraktikabel.” [5]

Nach 1945 „wirkte der führende NS-‚Rassenhygieniker‘ H. Harmsen“, so der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn, „als angesehener Sozialhygieniker in der Bundesrepublik weiter“.

Dies war nur deshalb möglich, weil er kein Mitglied der NSDAP und daher auch nicht von der Entnazifizierung betroffen war.

Ab 1946 war Harmsen ordentlicher Professor für Allgemeine und Sozialhygiene an der Universität Hamburg und Direktor des Hygiene-Institutes der Freien und Hansestadt Hamburg. 1952 gründete er pro familia und wurde deren erster Präsident sowie Gründungsmitglied der International Planned Parenthood Federation (IPPF) in Neu-Delhi.

Harmsen war Mitglied der Deutschen Akademie für Raumforschung und Landesplanung, einziger Arzt in der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, gehörte dem wissenschaftlichen Beirat des Familienministeriums an und wurde 1970 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. [6]

In einem Artikel mit dem Titel „Lange braune Schatten“ berichtet DER SPIEGEL, wieso Harmsen trotz seiner Aktivitäten während des Dritten Reichs nochmals Karriere machen konnte: „Erst in den achtziger Jahren wurde die Vergangenheit von Harmsen und anderen Bevölkerungswissenschaftlern kritisch beleuchtet. Bis dahin waren sie in Festschriften gefeiert worden, wobei die Angaben über ihre Tätigkeiten in den Jahren 1933 bis 1945 auffällig karg gerieten. 

„Für junge Wissenschaftler war es nicht opportun, Fragen zu stellen“,

begründet die Medizinhistorikerin Sabine Schleiermacher diese späte Konfrontation mit der NS-Vergangenheit.“ [7]

In einer Laudatio im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 1981 wird Harmsens Wirken während des Dritten Reichs recht lapidar zusammengefasst:
„Von 1927 bis 1937 arbeitete er als ärztlicher Referent im Rahmen der Inneren Mission, Berlin, und der Evangelischen Kranken- und Pflegebetriebe. Zugleich gab er die Zeitschriften ‚Gesundheitsfürsorge‘ und ‚Dienst am Leben‘ für die Schwesternfachfortbildung heraus, zwei wichtige Organe im sozialen Unterrichtsbereich der Hygiene. 1937 bis 1945 war Harmsen Leitender Arzt der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege und ab 1942 Dozent für Hygiene an der Universität Berlin. Im Krieg beriet er das Afrika-Korps, Truppen in Rußland und auf dem Balkan. Er schrieb nebenher: ‚Stätten antiker Kultur in der Kyreneika‘.” [6]

Pro Familia selber scheint kein Interesse daran zu haben, die Abgründe ihres Gründers aufarbeiten zu wollen. Die einzige namentliche Nennung Harmsens auf der Webseite ist ein kurzer Eintrag in einer Zeitleiste über die Geschichte der Organisation: „Rückgabe der Ehrenpräsidentschaft durch Hans Harmsen”. Und auch in dem von Pro Familia herausgegeben Magazin „Ziele und Programm“ findet sich lediglich eine, inzwischen 18 Jahre alte Erklärung:

„Die Geschichte der Familienplanungsbewegung – etwa die nähe einiger ihrer Vertreter zur ‚Rassenhygiene‘ des Nationalsozialismus oder zu Zwangssterilisationen – liefert Beispiele dafür, dass [die Selbstreflektion] nicht immer gelungen ist. pro familia will diese geschichtlichen Lehren in ihrer gegenwärtigen Tätigkeit und in ihren Zielen und Aufgaben berücksichtigen, um als Interessensvertretung glaubwürdig und als Fach- und Dienstleistungsorganisation integer zu bleiben“. [8] 

Hans Harmsen wird dabei lediglich zu einem der „Vertreter“ der „Familienplanungsbewegung“ degradiert.


[1] Schleiermacher, Sabine: Sozialethik im Spannungsfeld von Sozial- und Rassenhygiene, Husum 1998

[2] Klee, Ernst: Die SA Jesu Christi – Die Kirche im Banne Hitlers, Frankfurt am Main 1993, S. 84, 88

[3] Hochmuth, Anneliese: Spurensuche – Eugenik, Sterilisation, Patientenmorde und die v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel 1929-1945, Rieden am Forggensee 1997

[4] Harmsen, Hans: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses – Eine Handreichung für die Schulung der in den evangelischen Anstalten und in der Wohlfahrtspflege wirkenden Kräfte, 2. Aufl., Berlin 1937

[5] Schnell, Hermann (Hrsg.): Alte und neue Themen der Bevölkerungswissenschaft – Festschrift für Hans Harmsen, Boppard am Rhein 1981

[6] Knoche, Dr. med. Bernhard: Ein Kapitel Sozialhygiene, Deutsches Ärzteblatt Heft 32 vom 8. August 1974

[7] Sontheimer, Michael: Lange braune Schatten, DER SPIEGEL, 24.10.2006

[8] pro familia: Ziele und Programm, S. 10, 2002


Tags: Eugenik, Hans Harmsen, Margaret Sanger, Nationalsozialismus, Planned Parenthood, Pro Familia