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Mein Kind war ein Kind, Kein „Zellhaufen"

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Als ich das Zimmer im Erdgeschoss betrat, machte der Arzt einen zweiten Ultraschall. Die Krankenschwester verweilte eine endlose Minute lang mit starrem Blick auf den Bildschirm. Mein Herz war kurz davor zu zerspringen. Dann sagte er, sehr zu meinem Bedauern, "Hier gibt es keine Herztätigkeit.” 

Mein Baby war tot.  

Ich brach in Tränen aus, ich konnte es nicht glauben und ich konnte meine Reaktionen nicht kontrollieren. Dieses Kind, das unser Leben auf den Kopf gestellt hatte, das uns von der Zukunft träumen ließ, dieses Kind, das von unseren Großeltern, von all denen, die uns liebten, erwartet wurde, war nicht mehr da. 

Der kleine Junge, der unser "Weihnachtsgeschenk" sein sollte, den wir schon bei seinen ersten Schritten sahen, wie er die Schwelle des Kindergartens überquerte, mit seinen kleinen Brüdern aufwuchs... war schon weggeflogen.
Ich war dort allein, mit dem Arzt und einer Krankenschwester. Und ich weinte all die Tränen, die ich hatte. Mein Mann war zu Hause bei den Kindern. Und da war ich nun, allein, und trug das Gewicht einer zu schweren Nachricht. 

"Ich weiß, es tut mir leid, das ist für sie scheinbar wie ein Trauerfall“, sagte mir der Arzt. Ich wollte antworten: “Es ist für sie wie ein Trauerfall? Warum, was sollte es sonst sein, wenn nicht Trauer?" Aber ich war zu sehr damit beschäftigt, über mein Baby zu weinen, um etwas zu sagen.
Der Schmerz, den ich empfand, war im Grunde genommen der Schmerz für den Verlust eines Kindes, mit dem erschwerenden Umstand, dass ich es immer noch leblos in mir trug.  

Ich, die ich berufen worden war, die Hüterin dieses Kindes zu sein, war stattdessen sein Grab geworden. Wenn ich an diese Momente zurückdenke, möchte ich all jene vor mir haben, die sagen: "Der Embryo, der Fötus ist noch niemand. Bis zu 12 Wochen, bis zu 14, 20, 22 - und je verhärteter sie sind, desto mehr Wochen schlagen sie drauf! - “Er ist nichts, er ist nur biologisches Material, er ist noch kein Kind, usw." 

Ich möchte jeden von ihnen fragen, ob sie jemals eine Erfahrung wie die meine gemacht haben. Ich würde gerne wissen, ob Sie den Mut hätten, mir ins Gesicht zu sehen und zu sagen: "Es hat keinen Sinn zu weinen, denn es war niemand in Ihnen. Es gab nur biologisches Material". Als ob mein Baby mit einer Zyste oder einem Leistenbruch vergleichbar wäre. 

Unser Sohn war neun Wochen alt, als er uns verließ. Aber er war bereits unser Sohn! Und dabei werde ich keine Kompromisse eingehen. Ich akzeptiere keine ideologischen Positionen angesichts eines realen und konkreten Schmerzes, wie ich ihn empfunden habe. 

Vor einigen Tagen las ich auf einer Facebook-Seite einige Kommentare darüber, was Leben ist und was nicht. Menschen, die bequem hinter einem Computerbildschirm sitzend schreiben. Aber meinen toten Sohn, auf dem Bildschirm eines Ultraschallgerätes, haben sie nie gesehen! 

Das Leben von Andrea (wie wir unseren Sohn nannten) war kostbar. Und das nicht nur, weil er bereits einen Kopf, ein Herz, Arme und Beine hatte (deutlich sichtbar auf dem Monitor!), sondern vor allem, weil er seit Beginn seiner Existenz ein Mensch war, wie ich, wie alle anderen auch.  

Und er war mein Baby, vom ersten Moment an, in dem mein Körper anfing, ihn aufzunehmen. Er war kein "Blinddarm meines Körpers", er war ein anderes Lebewesen, anders als ich, dass ich schützen sollte. Er lebte an mich gebunden, ernährte sich von dem, was ich ihm gab, durch die Plazenta. Er war geschützt, in meinem Bauch. 

Das war die Wahrheit, und ich sah sie klar und deutlich. Ideologien können verwirrend sein, aber sie können die Realität nicht verändern. 

War sein Entwicklungsstand anders als bei meinen beiden anderen Kleinen? Ja, er war kleiner, weniger geformt, aber er hatte den gleichen Wert wie jedes menschliche Leben.  

Ich kümmerte mich bereits um alle drei mit der gleichen, identischen Liebe. 

Ich habe zwei andere Kinder, vielleicht war ich nicht vorsichtig genug…

Ich habe einige verschwommene Erinnerungen an diese Momente, aber ich bin sicher, dass die Ärztin mir sagte, dass das Baby etwa zwei Wochen (bis genau 9 Lebenswochen) tot war, und dann fügte sie hinzu: "Es war nicht Ihre Schuld, man hätte nichts tun können, es gab wahrscheinlich eine Chromosomenveränderung und man hätte nichts machen können… Ich meine, er war von Anfang an missgebildet. 

"Sind Sie sicher? Habe ich mich nicht zu sehr angestrengt? Ich habe zwei andere Kinder, vielleicht war ich nicht vorsichtig genug…” "Nein, in diesen Fällen ist es nicht die Schuld der Mutter: Es sollte so laufen…”. 
"Der liebe Gott meint es gut mit Ihnen…” - sagte mir der andere Arzt - "Das war der richtige Zeitpunkt, an dem die Schwangerschaft enden musste, sonst hätte es auch Ihnen Probleme bereitet! 

Von Anfang an, als ich sah, wie "diskret" diese Schwangerschaft war (es ging mir wirklich gut!), dachte ich: "Dieses Kind wird der ruhigste von allen sein... er wird der klassisch gute Mensch sein, ein bisschen schüchtern, einer der im Leben nie für Unruhe sorgen wird, der immer anderen zur Seite stehen wird...".
Und er war weg, kurz bevor die Schwangerschaft seiner Mutter Schwierigkeiten bereiten konnte. Ich bekomme immer noch Schüttelfrost, wenn ich daran denke. 

Als ich mich beruhigen konnte, verließen der Arzt und ich den Raum, um wieder nach oben zu gehen, wo wir vorher waren. Ich begann zu fragen, immer noch schluchzend, was jetzt passieren würde.
Die Ärztin erwähnte, dass ich zwei Möglichkeiten hätte: entweder die natürliche Ausscheidung abzuwarten (mit dem Zyklus, der wahrscheinlich bald wieder eintreten würde) oder mich einer Operation zu unterziehen, um die Ausschabung vorzunehmen.  

Er ist weg. Er ist tot.

Ich bat um etwas Zeit, um meinen Mann anzurufen. Sie ging zurück in die gynäkologische Notaufnahme und ließ mich allein auf dem Flur zurück, um den Anruf zu tätigen.
Als mein Mann antwortete, brach ich in Tränen aus und sagte sofort, was los war: "Er ist weg. Er ist tot. 

Plötzlich wurde mir im Gespräch mit meinem Mann klar: Wenn dieser Sohn von uns und von Gott geliebt wird, musste ich mich so verhalten, wie ich es bei jedem anderen meiner Söhne getan hätte, musste ich das Leben, das mit uns gewesen war und uns durch seine Gegenwart bereichert hatte, wertschätzen. 

Ich hatte zwei Möglichkeiten: ihn auf natürlichem Wege allein ausgehen zu lassen (aber in diesem Fall - entschuldigen Sie, wenn ich kein Blatt vor den Mund nehme - wäre er in einer Toilette gelandet) oder mich des Eingriffes zu unterziehen. 

"Liebling", sagte ich, "ich möchte mich operieren lassen und um die Beerdigung des Babys bitten.
Ich war mir sicher, dass dies eine Möglichkeit war, sein Leben zu ehren: Dieser kleine Körper hatte, wenn auch nur für kurze Zeit, eine unsterbliche Seele beherbergt! Da ich die Wahl hatte, wollte ich nicht, dass es von alleine “rausrutscht”, als ob es wirklich nur ein organischer Abfall wäre. 

Er war mein Sohn. Was hätte ich getan, wenn den anderen Kindern, die ich hatte, etwas passiert wäre?  
Ich hätte sie geliebt, mich um sie gekümmert, sie bis zum Ende begleitet.  

In diesem Moment hatte ich die Wahl, und ich wollte, dass mein Sohn wie jeder geliebte Mensch behandelt wird, der stirbt. Mein Mann stimmte sofort zu. 

Der Prozess, um die Beerdigung und Bestattung zu bekommen, war lang und kompliziert. Und die Operation - die ich hätte vermeiden können - war anspruchsvoll... aber am Ende haben wir es geschafft! An diesem Samstag, dem 13. Juni, wird unser Baby, das nach nur zwei Monaten Schwangerschaft im Mutterleib gestorben ist, ein ordentliches Begräbnis erhalten und auf demselben Friedhof beigesetzt werden, auf dem auch meine Mutter ruht. 

Im Wohnzimmer habe ich ein Foto: Ich bin sehr klein (vielleicht bin ich ein Jahr alt) und ich lache, in den Armen meiner Mutter (sie starb vor zwei Jahren an Krebs). 
Ich stelle mir gerne vor, dass jetzt, in den Armen meiner Mutter, mein Sohn im Himmel ist. 

Und es ist nicht nur ein Gedanke, sondern meine Gewissheit. 

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Gepostet von: Cecilia Galatolo

Veröffentlicht to Persönliche Geschichten on 21.09.2020
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