Ich hatte eine illegale Abtreibung in Deutschland | sundaysforlife

Ich hatte eine illegale Abtreibung in Deutschland

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Ich bin Luisa, 28 Jahre alt, politisch und aktivistisch aktiv. Ansonsten bin ich vor allem künstlerisch tätig. Ich habe gute Erinnerungen an meine frühe Kindheit. Aber als ich etwa 7 Jahre alt war, hat mein Vater angefangen, mich zu missbrauchen.

Als ich 15 war, wurde ich schwanger – von meinem Vater.

Es fing klein an und wurde dann immer krasser. Ich wusste nicht, dass Eltern nicht alles mit ihren Kindern machen dürfen. Das wurde alles sinnvoll begründet an irgendwelchen Bibelzitaten oder was auch immer. Ich wusste immer, ich fühl mich nicht gut damit. Aber ich hab mich auch schuldig gefühlt zu sagen, meine Eltern sind nicht okay.

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Als ich 15 war, wurde ich schwanger – von meinem Vater. Meine ersten Gedanken waren: „Ich sterbe.“ Das war der erste Gedanke. Ich werde sterben. Und das Baby auch. Alle sterben. Meine Eltern durften auf den Tod nichts davon wissen. Mein Vater hätte mich umgebracht. Keiner durfte das wissen.

Einerseits war ich in einer Familie, die ein Geheimnis hat, was sie sehr gerne bewahren möchte. Und dann gab es aber auch noch das nähere Umfeld, in dem ich viel war – Gemeinde, Kirche und so. Und da durfte ich vor allem mitLeuten viel Kontakt haben, die dieses Bild von kein Sex vor der Ehe unterstützt haben.

Und zu sagen, dass ich schwanger bin hätte entweder bedeutet, dass alle wissen, es war mein Vater – das geht nicht – oder dass ich mit jemand anderem Sex hatte – und das ging auch nicht. Das durfte einfach nicht sein. Ich hab so wenigen wie möglich von der Schwangerschaft erzählt. Eine die ich kannte, das war so eine, die hatteschon alles durchgemacht. Für sie gab es nicht viel Neues. Ja und dann hab ich das irgendwie versucht zu klären.

Eine legale Abtreibung war einfach keine Option.

Alles, was irgendwie von der Krankenkasse abgerechnet wird, ging nicht. Weil ich über meinen Vater versichert war, der regelmäßig die Rechnung gekriegt hat. Und wenn da irgendwas drauf gestanden hat, das nicht sein darf oder das irgendwie auch nur im Ansatz nicht vorher bekannt war, dann wurde so lange nachgefragt – und das mitNachdruck – bis ich eine Antwort gebe.

Eine legale Abtreibung war einfach keine Option. Niemand durfte von der Schwangerschaft erfahren. Und das hätte ich nicht verheimlichen können. Also blieb mir nur eine illegale Abtreibung. In einer Großstadt kommt man soan fast alles, wenn du nur willst. Gerade auf dem Schulhof trifft man sich immer. Da gibts die Drogenecke, dann gibt‘s die, die in der Raucherecke stehen und sich ganz toll fühlen. Es gibt die, die Fußball spielen – warum auchimmer – und dann gibt es halt so ein paar Schüler, die wissen immer irgendwie irgendwas.

Das sind Leute, wenn ich bei dem einen ankommen würde und sage: „Ich brauch morgen 4 Kühlschränke für eine Party“, würde der wissen, wen ich Fragen kann und wo. Und dieser würde die bis heute Abend liefern. Und den habe ich angesprochen.

Ich war vielleicht in der 14. oder 15. Woche schwanger, genauer kann ich das nicht sagen. Aber es hat ja schon getreten. Ich bin mit dem Typ zusammen da hin gegangen. Das war in einer Hochhaussiedlung, wo man ein paar Stationen mit der U-Bahn hinfahren musste. Wir sind gefühlt über 50 Mal um Ecken gegangen. Und dann ging es weiter in so ein Hochhaus rein. Da wohnten Kollegen von ihm.

Das war alles gut steril.

Die Wohnung sah aus wie eine normale Wohnung, nur der Küchentisch war mit Folie abgeklebt. Und an den Rest kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Die haben mir ziemlich viele Drogen gegeben, damit das nicht so wehtut und damit ich am besten nichts mitkriege.

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Die hatten mich aufs Sofa gelegt zum Schlafen. Ich war bestimmt noch 48 Stunden dort. Und dann war ich noch ein paar Tage bei einer Bekannten. Offiziell war ich auf einer Jugendfreizeit und hatte mich abgemeldet. Danach hatte ich mir auf SchülerVZ alle Fotos angeguckt damit ich was erzählen konnte.

Das war alles gut steril. Aber ich hatte halt ne Wunde und das musste erstmal abheilen. Bis wieder alles normal war, hat ein paar Jahre gedauert. Die ersten Monate war ich einfach so krank im Bett als hätte ich Fieber – ich hatte halt auch wirklich Fieber.

Für mich war es ein Sternenkind, es wurde tot geboren.

Meine Eltern haben das so akzeptiert. „Du hast Fieber. Du hast dir bestimmt eine Grippe eingefangen, musst du halt besser aufpassen.“ Ich habe halt auch die 9 Jahre davor gelernt, dass Schmerzen kein Grund sind, nicht zu funktionieren. Das heißt nicht, dass es mir gut geht aber das ich wenigstens ansatzweise den Anschein wahren kann, das nix los is.

Für mich war es ein Sternenkind, es wurde tot geboren. Ich wollte das Kind nicht los werden, wenn es eine andereMöglichkeit gehabt hätte. Aber diese Möglichkeit hatte ich einfach nicht. Ein Ausweg wäre zum Beispiel gewesen, dass mein Vater stirbt. Am liebsten wäre ich einfach in ein anderes Universum gebeamt worden.

Aber es gab keine realen Möglichkeiten. Und deshalb bin ich dankbar für die, die da waren und geholfen haben.

Veröffentlicht in Zeugnisse am 18. Dezember 2020

von: anonym